Mauerlauf
Vor genau 2 Jahren las ich vom Unternehmen Mauerlauf und dachte mir, den machst du auch mal. Fasziniert war ich davon, dass sich ein Einziger auf den Weg gemacht hatte, Berlin (West) laufend zu umrunden. Nonstop (160 km), immer am ehemaligen Todesstreifen entlang.
Man konnte diesen Lauf im Laufforum des SCC Berlin verfolgen. Immer wieder gab es Zwischenmeldungen, wie es dem Läufer geht und wo er gerade sei. „Wahnsinn“ dachte ich, „wie kann ein Mensch so etwas schaffen?“. Leider musste der Läufer sein Vorhaben 2007 kurz vor dem Ziel mit Schmerzen aufgeben.
2008, wieder um den 09. Nov., startete besagter Läufer einen erneuten Versuch. Er hatte sein Vorhaben diesmal nicht angekündigt, sondern den Vollzug erst nach Beendigung der Runde gemeldet.
Unglaublich, und für mich völlig unfassbar, war Gero Mensel um Berlin (West) gelaufen.
Im Juli 2009 folgte dann sein Aufruf, ihn am 07.11 – 08.11. auf seiner Runde zu begleiten.
Sofort entschloss ich mich, bei ihm mitzulaufen.
Am Vorabend des Berlin Marathons im September lernten wir uns kennen und es wurden noch einige Details besprochen. Die Startergruppe war bis zu diesem Zeitpunkt auf 10 Starter angewachsen.
Die Woche vor dem Lauf, war alles andere als ruhig. Erste Zweifel machten sich breit, im Bekanntenkreis schüttelte man den Kopf, aber sie wünschten mir trotzdem Glück.
Dann war der 06. November 2009 gekommen. Ich verabschiedete mich von meiner Familie und fuhr mit dem Zug nach Berlin. Den Hinweis, gegebenenfalls rechtzeitig beim Lauf auszusteigen, konnte sich meine Frau jedoch nicht verkneifen.
In Berlin angekommen, wollte ich mir die Stadt noch ein wenig anschauen und fuhr zum Alexanderplatz. Von dort ging ich ganz gemütlich Richtung Brandenburger Tor, denn die letzten Male war ich, zu mindestens ab der Humboldt-Universität, aufgrund der Teilnahme am Berlin Marathon immer sehr schnell unterwegs.
Am Abend besprachen wir uns bei einem gemeinsamen Essen am Potsdamer Platz. Dort erfuhr ich auch, dass wir nur mit 5 Läufern und einer Fahrradbegleiterin starten würden. Von diesen 5 Läufern sollten nur Gero Mensel und ich den Weg letztendlich komplett zurücklegen.
Wir trafen uns am nächsten Morgen um 7 Uhr am Potsdamer Platz, der eigentliche Startpunkt das Brandenburger Tor war abgesperrt, und machten uns auf den Weg Richtung Norden.
Die ersten Kilometer waren sehr eindrucksvoll, es ging am Brandenburger Tor und Reichstag vorbei zur Bernauer Str.. Wir querten die Invalidenstr. und kamen an der Max Schmeling Halle vorbei.
Die Gruppe war gut drauf, denn strahlend blauer Himmel und Sonnenschein sorgten für gute Stimmung.
Es ging langsam aus der Stadt heraus und es folgte eine wunderschöne Heidelandschaft. Mit der Invalidensiedlung, erbaut für verwundete Soldaten aus dem 1. Weltkrieg, hatten wir den nördlichsten Punkt der Strecke erreicht. In Frohnau hatte Gero Mensel einen Verpflegungspunkt organisiert, und es gab dort Cola, Erdinger, Wasser und Brühe. Kurz danach verlies der erste Timo die Gruppe, denn er wollte nur einen Trainingslauf über 44 km machen.
Wir liefen in Hennigsdorf an der Havel runter nach Spandau. Mittlerweile, es war 16:30 Uhr, hatte uns die Dunkelheit erreicht. Petra (Fahrradbegleiterin) und Michaela waren bis Kladow voraus geeilt, denn sie wollten noch die Fähre über den Wannsee erreichen. Anita musste sich in Spandau verabschieden, sie wollte ihren Flug nach Nürnberg bekommen.
Somit waren Gero und ich auf uns gestellt. Kurz vor Kladow bei km 70 hatte ich meinen ersten Tiefpunkt, aber mein Begleiter Gero lies sich nicht aus der Ruhe, bringen und wir erreichten das nächste Etappenziel. Die Fähre schafften wir nicht mehr und so wurde auf den Bus umgestiegen. Es ging mit dem Bus zurück bis Charlottenburg und von dort mit der S-Bahn nach Wannsee. Zwischenzeitlich hatten wir uns mit einer Pizza versorgt, welche nicht so richtig in den Magen wollte.
In Wannsee ging es dann lange durch ein Waldstück und dort trafen wir auf die ersten Wildschweine. Als nächstes wurde die Glienicker Brücke (Agentenaustausch) erreicht und die Strecke führte weiter durch Babelsberg. Am Griebnitzsee wurde der Mauerweg durch ein paar private Eigentümer gesperrt, und wir mussten den Weg für ein paar Kilometer verlassen.
In Kohlhasenbrück ging es über den Königsweg erneut für mehrere Kilometer durch den Wald. Wie ich mich dort fühlte kann man wohl nachvollziehen und ich dachte, „der Gero ist diese Strecke schon alleine gelaufen“. Immer wieder hörte man etwas im Unterholz und es war mittlerweile weit nach Mitternacht. Nur der Schein unserer Stirnlampen sorgte für ein wenig Licht. Der aufkommende Nebel kroch in unsere Glieder und Temperaturen um den Gefrierpunkt sorgten für ein zusätzliches Motivationstief.
„Mein Gott“ dachte ich, „wann ist diese Dunkelheit endlich vorbei?“ Wir liefen Richtung Teltow und Marienfelde. So langsam dämmerte es, und die Stimmung nach einer wortkargen Nacht stieg. Wir waren durchgefroren und sehnten uns nach einem aufputschenden Frühstück. Jetzt einen warmen Kaffee und eine Scheibe Brot, denn die mitgeführten Vorräte waren aufgebraucht. Am ehemaligem Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee endlich der ersehnte Anruf von Petra, sie sei auf dem Weg.
Am Teltowkanal erhielten wir einen riesigen Motivationsschub, denn Kaffee und ein paar Schnitten lagen vor uns. Was hatten wir Petra vermisst und jetzt solch ein Frühstück. Wir waren zu diesem Zeitpunkt bereits 27 Stunden unterwegs, denn die vielen Waldwege und das Kopfsteinpflaster in der Nacht zwang uns Zeitweise zum walken.
Von hier aus war es nicht mehr weit, wenn man die gesamte Strecke zu Grunde legt. An der Sonnenallee war der Gedenkstein vom letzten Mauertoten Chris Gueffroy, der ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer bei einem Fluchtversuch erschossen wurde, aufgestellt worden. Unsere Kräfte neigten sich dem Ende zu und ich konzentrierte mich nur noch darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt gingen in mir noch einmal die ganzen Geschichten durch den Kopf die sich entlang der Mauer zugetragen hatten. Der erste Mauertote Litfin oder die beiden Kinder (10 und 13 Jahre), die beim Spielen am Grenzstreifen von 40 Schüssen getötet wurden. Hinzu kam noch das unbeschreibliche Gefühl, bald die Strecke und die immense Herausforderung bezwungen zu haben. All diese Gedanken lenkten vom Laufen ab, und wir erreichten Kreuzberg und mit der neueröffneten East-Side-Gallery.
Hier wurde ein langer originaler Mauerstreifen von Künstlern bemalt. Michaela kam uns entgegen und brachte noch ein wenig Motivation mit. Da Gero noch ein paar Bilder an der Gallery machen wollte, und ich nicht mehr stehen bleiben konnte, teilten wir uns auf. Ich „eilte“ mit Michaela weiter. Petra blieb bei Gero zurück. Die letzten Kilometer waren die Hölle, ich sehnte den Checkpoint Charlie herbei. Noch ein Foto am Checkpoint und die letzten 700 von ca. 160.000 Metern wurden in Angriff genommen. Endlich Einbiegen auf die Stresemannstr. und der Potsdamer Platz war nach 32 Stunden wieder in Sicht.
Eine (Tor)tour war zu Ende und ich hatte sehr viel bei diesem Lauf gelernt. Die psychischen und physischen Belastungen waren riesig. Insbesondere möchte er mich bei Gero Mensel für diesen Lauf und die tolle Organisation bedanken.
Der Mauerweg ist ein hervorragend ausgeschilderter Weg, mit sehr vielen Sehenswürdigkeiten und Geschichten, der sich insbesondere für Radfahrer eignet.
Vielleicht möchte ja mal jemand diese Strecke ergründen,
Fazit: Berlin ist –wie immer- eine Reise wert.
