Nächster Lauf

Langelner Hügelgräber Marathon

Biel 2010

Meine Frühjahrsplanung wurde mit dem Lauf in Biel abgeschlossen.

Wie geht man nun einen 100km Lauf, der auf Wettkampf ausgelegt ist, an? Wer mich kennt, weiß das ich so einen Lauf nicht nur mitlaufe, sondern dabei auch noch eine ordentliche Zeit erzielen will. So habe ich mir für Biel irgendetwas zwischen 10 und 11 Stunden vorgenommen. Meine Reise Richtung Biel begann bereits den Mittwoch vorher. Zuerst nach Hamburg und am Donnerstag in der Früh mit dem Flieger das Zwischenziel  Zürich. Von dort ging es mit der Bahn Richtung Biel. An dieser Stelle muss ich mal das Bahnnetz der Schweiz loben, denn Verspätungen kennen die überhaupt nicht. Biel erreichte ich am Donnerstagvormittag bei strahlendem Sonnenschein. Im Hotel erfuhr ich, dass wir Föhn haben und so stieg das Thermometer auf 35 Grad Celsius.
Welch großer Temperaturunterschied gegenüber Cuxhaven. Am Abend fuhr ich mit dem Bus zur Bieler Eishalle, um dort meine Startunterlagen abzuholen. Die öffentlichen Verkehrsmittel hatte jeder Starter frei an dem Wochenende, genauso war es beim IC von Zürich nach Biel, denn man zum halben Preis bekam. Ein toller Service der Schweizer Organisatoren, den so mancher Lauf in Deutschland übernehmen könnte.
In der Eishalle traf man dann, wie sollte es anders sein auch auf bekannte Gesichter. Da wir uns für Biel verabredet hatten, hielt ich nach Uwe von den Hönnower Schildkröten Ausschau. Im Innenraum der Eishalle fand eine kleine überschaubare Messe statt und so konnten wir uns gar nicht übersehen.
Der Lauftag begann bei mir mit einem ausgiebigem Frühstück. Im Hotel lernte ich noch ein paar Läufer aus der Eifel kennen. Wir unternahmen einen Stadt- bzw. Seebummel, und ließen uns vom französischen Lebensstil anstecken und saßen noch lange in einem Straßencafe. Am Nachmittag wurde geruht, um Kraft für die Nacht zu sammeln. Um 19.30 Uhr habe ich mich auf dem Weg zum Startbereich gemacht. Die Temperaturen lagen noch bei 25 Grad Celsius und die Luftfeuchtigkeit bei 90 %. Für die Nacht waren Unwetter vorhergesagt, aber so viel vorweg, es kamen nur ein paar Tropfen. Später komme ich noch einmal auf das Wetter zurück, denn ich brauche noch eine Ausrede.
Wir begannen mit unseren Startvorbereitungen in der Eishalle. Noch ein paar Fotos und ein kurzes Schläfchen und die Abgabe der Sachen in der Curlinghalle. Um 21.40 Uhr ging es zum Startbereich, dort traf ich wieder auf die Eifeler Jungs, ein kurzes viel Glück und die 52te Bieler Nacht wurde mit einem großen Knall angeschossen.
100km lagen vor mir und somit der neunte Ultramarathon seit dem 22. März 2010. Über meine Fehlplanung für das Jahr 2010 schrieb ich ja schon, aber als ich mir diese Zahl durch den Kopf gehen ließ, war ich schon erschrocken. Die ersten Kilometer führten durch Biel. Die beleuchtete Stadt hatte ein tolles Flair, die Zuschauer standen dicht gedrängt entlang der Strecke. Nach einigen Kilometer ging es aus der Stadt raus und man bekam so langsam einen Eindruck, von dem was noch kommen sollte. Die NACHT DER NÄCHTE begann! Ein endloser Lichtwurm, bedingt durch die Stirnlampen, zog sich durch die Schweizer Landschaft. Der Erste, für mich emotionalste Höhepunkt war der in Aarberg, der Zieleinlauf für die Halbmarathonläufer. Wir liefen über den Marktplatz, gesäumt von tausenden Zuschauern. Ein tolle Stimmung und das um Mitternacht. Plötzlich wie aus dem Nichts „Gladbach“. Borussen sind halt überall. Der Marktplatz ist umgeben von alten Fachwerkhäusern, die in voller Beleuchtung standen. Ein Sponsor hatte auf eine Länge von 500m einen blauen Teppich verlegt. Direkt nach dem Platz ging es über eine überdachte Holzbrücke aus dem Ort wieder raus. Zu diesem Zeitpunkt war noch alles gut. Am nächsten Verpflegungsstand sollte sich dies ändern. Da in dieser Nacht der Flüssigkeitsverlust sehr hoch war und ich Gefahr lief meinen Salzhaushalt Richtung Null zu fahren, probierte ich die Boillion. Für den Rennsteiglauf riet man mir unbedingt den Schleim zu probieren und in Biel war es die Boillion. Empfand ich den Schleim noch als sehr schmackhaft, so war es die Boillion nicht und mein Körper war der gleichen Meinung und schickte sie gleich wieder Retour. Von da an hieß es nur noch die Sportgetränke, Wasser, Cola, Brot und Obst, in der Hoffnung den Salzverlust dadurch auszugleichen.
Irgendwann wurde es voller auf der Strecke, was an den Fahrradbegleitern lag. Jeder kann seine Meinung über diese Begleiter haben, aber ich empfinde sie als absolut nervig. Sie stören ein, wenn auch ungewollt, in der Konzentration. Einige hatten blinkende Rücklichter, andere stellten sich mit dem Fahrrad an die Verpflegungsstände und mussten wohl ganze Kompanie versorgen, anders kann man die Griffe zu den Gels und Riegeln nicht verstehen.
Vor dem Start konnte man frische Sachen in Kirchberg bei Km 57 deponieren lassen. In Kirchberg war ein Ausstiegspunkt, was auch viele aufgrund der Temperaturen taten, und wurden mit dem Bus nach Biel gefahren.
Für mich ging es weiter und bisher lief alles Bestens. Auch die Steigungen konnten mir nicht so viel anhaben, da ist der Rennsteig schon eine andere Nummer. Wiederrum die Abstiege waren Gift für meine Schienbeine, konnte ich die Entzündung vom Borussialauf nicht richtig ausheilen lassen.
Es wurde viel über ihn geschrieben und er sollte dann auch auf mich zukommen. Das was man positiv über ihn schreiben kann, wir waren für einige Zeit die Fahrradbegleiter los. Der Ho-Chin-Minh-Pfad lag vor uns. Was für ein grauenvolles Stück Strecke. Viele machten mit einem hinteren Körperteil Bekanntschaft, gut warum läuft man auch ohne Stirnlampe. Kleinere Flusssteine und Wurzeln machten diesen Pfad, denn mehr war es einfach nicht, zu einem Erlebnis der besonderen Art.
 Immer wieder hörte ich Läufer fragen, wie lang er denn noch sei. Nach 10 km, auch wenn ich sie als nervig empfand, standen wieder die Fahrradbegleiter und man wusste, dieser grauhafte Weg hat ein Ende. Die Nacht war schon weit vorangeschritten, aber es waren immer wieder Zuschauer an der Strecke und das sollte sich bis zum Ziel auch nicht ändern.
Bei Km 70 nahmen die Salzränder auf meiner Hose zu und so langsam nahm das Unheil seinen Lauf. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit, hatte man das Gefühl, man würde seit Stunden duschen. Der Salzverlust war enorm und das ließ mein Körper mich nun auch spüren. Jetzt hieß es von einem Km-Schild, welche 10km auseinander standen, zum anderen. Die Meter wurden immer länger und mein Körper rief immer wieder, gib auf. Mit einigen Geheinheiten versuchte ich meine Muskulatur zu lockern. Nun ging es ums überleben. Mein Schienbein wollte nicht mehr und beide Oberschenkel meldeten  Alarmstufe Rot. In diesem Moment gehen einem tausende Gedanken durch den Kopf, aber kein Gedanke der Motivation. Ich wollte nur nach Hause und zu meiner Familie. Der Versuch die Gedanken auf die Familie zu legen war gar nicht so schlecht und für einige Augenblicke waren die Schmerzen vergessen. Die Kilometer vergingen und ein letzter Höhepunkt war der Weg an der Aare entlang. Es war nicht mehr weit und du kannst dich Finisher von Biel nennen. Dann endlich nach einem sehr emotionalem Lauf, wo ich oft mit den Tränen gerungen habe, war die Eishalle wieder in Sicht. Es war vollbracht, total entkräftet, aber überglücklich war ich im Ziel. Man versuchte jeden Einläufer mit dem Namen zu nennen, und ich glaube das hat auch geklappt. Es war schön meinen Namen zu hören, auch wenn ich jenseits von Gut und Böse war. Endlich beim Gepäck angekommen, waren sie da. Krämpfe in beiden Unterschenkeln. Nach kurzer Behandlung ging es wieder.
Die Nacht der Nächte hat mich nicht bezwungen und ich bin um eine Erfahrung und vielen neuen Gedanken reicher.
 
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